Konzept

Einleitung

Unsere Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Gewohnte Strukturen und Sicherheiten lösen sich auf. Über die Hälfte der Kinder, die heute in die Schule kommen, wird später Berufe ausüben, die es heute noch gar nicht gibt. Die Gewissheit des Wandels, gekoppelt mit der Ungewissheit, wie dieser Wandel genau aussehen wird, erfordert von jedem Einzelnen in verstärktem Maße hohe Flexibilität, unkonventionelles und kreatives Denken und einen stärkeren Sinn für das Eingebundensein in eine Gemeinschaft, in das Netz des Lebens. Dafür muss sich nicht nur unsere Herangehensweise an Bildung tiefgreifend ändern. Mehr als je zuvor sind wir herausgefordert, ein neues Bewusstsein für die Wahrnehmungs- und Denkmuster, die Wertsysteme und eingeübten Handlungsroutinen unserer Gesellschaft zu entwickeln. Mit der Freien Schule Gleichen wird ein Bildungsort geschaffen, an dem eine lebensfördernde Kultur Grundlage gemeinsamen Lernens ist.

Menschenrechte, Demokratie, Nachhaltigkeit und soziale Inklusion sind die vier im Lissabon-Prozess der Europäischen Union definierten Leitwerte. Sie machen schon lange deutlich, dass es notwendig ist, umzudenken im Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen und der Verteilung der Lebenschancen und der Lebensqualität für alle Lebewesen in dieser Einen Welt. Werte werden durch die im Alltag gemachten Erfahrungen erworben, sie lassen sich nicht lehren. Vor allem die frühen Erfahrungen prägen Menschen nachhaltig in ihrem Selbstbild, in ihren Haltungen und im Umgang miteinander. So ist es unser Wunsch, dass all diese Werte gelebter Alltag in Schule sind, in den wir das lebendige Leben wieder mitten hinein holen.

Die Freie Schule Gleichen versteht sich als Lebens- und Lernort mitten in der Gesellschaft. Sie öffnet sich ihrem natürlichen, sozialen und kulturellen Umfeld und strebt einen regen, kooperativen Austausch an. Als inklusiver Bildungsort ermöglicht sie Kindern und Jugendlichen mit vielfältigsten Begabungen selbstbestimmte, ganzheitliche Bildung verbunden mit intensiver Naturerfahrung und einem tiefen Verständnis für die komplexen Wechselwirkungen und Sinnzusammenhänge des Gesamten. Die Freie Schule Gleichen ist ein Ort „struktureller Gemeinschaftlichkeit“, ein Ort der gelebten Demokratie. Freiheit und Verantwortung, Respekt und Vertrauen, Kooperation, Menschlichkeit und Fairness prägen unsere Schulkultur.

Als Standort bietet die ehemalige Grundschule auf dem Bildungsberg Reinhausen mit ihrer dörflichen Lage inmitten einer wunderschönen Natur und einer lebendigen, uns willkommen heißenden Gemeinde ein ideales Umfeld für Kinder und Jugendliche, um sich mitten im Leben bilden zu können.

Alle gangbaren Wege sind einmal aus Spuren in Neuland entstanden. Mit diesem innovativen Modell für eine zeitgemäße und zukunftsorientierte Bildung will die Freie Schule Gleichen Verantwortung übernehmen und zur Gestaltung des Wandels beitragen. Damit bereichert sie auf einzigartige Weise die Vielfalt des Bildungsangebots in der Region.


Inhalte und Struktur

1. Nachhaltigkeit
Nachhaltig zu leben heißt, die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten des Ganzen zu verstehen und in allem zu respektieren. Dazu gehört der achtsame und wertschätzende Umgang mit den Ressourcen der Umwelt ebenso wie mit unseren eigenen.

Leben trägt in sich als natürliches Prinzip den Impuls sich weiter zu entwickeln, zu wachsen, zu erblühen und sich immer wieder anders neu zu entfalten. Lernen ist Leben und Leben ist Lernen. Nachhaltig ist es immer dann, wenn diese Erkenntnisse zu gelebten Werten und Haltungen – zu Kultur werden.

“Es ist ein sehr natürliches System. Sie blühen einfach auf. Es ist völlig natürlich für sie.” Michael Sappir, Schüler, Sudbury School, Jerusalem

 

2. Inklusion – Respekt und Achtsamkeit für Vielfalt und Verbundenheit
“No one is independent. We are all interdependent”.  Al Condeluci

Immer mehr wird uns wieder bewusst, wie alles miteinander verbunden ist und wie wir selbst  und unser Handeln in das Netz des Lebens eingewoben sind. Vielfalt und Komplexität sind Grundprinzipien des Lebens.

“Die Vielfalt unter den Kindern ist für jedes Entwicklungsmerkmal so groß, dass Normvorstellungen in Familie und Schule den Kindern nicht gerecht werden können”.  Prof. Dr. Remo Largo

Jeder Mensch ist ein Geschenk an das Leben, mit einem einzigartigen Schatz an Fähigkeiten und innerem Wissen und der Fähigkeit sich selbst zu bilden in wechselseitiger Beziehung mit seiner Umwelt. Das Leben in seiner Ganzheit und Vielfalt anzunehmen, zu fördern und für alle erfahrbar zu machen, steht im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit.
Das ist es, was Inklusion für uns bedeutet. Dabei das Bewusstsein dafür zu schärfen wo Haltungen, kategorisierende Zuschreibungen oder diskriminierende Einstellungen, personelle oder finanzielle Ressourcen oder andere Barrieren die aktive und selbstbestimmte Teilhabe eines Menschen am gemeinsamen Leben und Lernen erschweren oder verhindern, ist uns ein wichtiges Anliegen. Im gelebten Alltag bedeutet dies, sich im ständigen Dialog zu entwickeln, um den jeweiligen Bedürfnissen gerecht zu werden, Netzwerke für Unterstützung und Zusammenarbeit zu knüpfen.

Um unsere Handlungen und Haltungen immer wieder zu reflektieren und eine verbindende Grundlage für Entscheidungen zu haben, werden wir den Index für Inklusion nutzen. Als Evaluations- und Entwicklungsinstrument ist er ein elementarer Begleiter für unsere Schulgemeinschaft.

 

3. Demokratische Schule – Weisheit der Vielen
“Demokratie ist die Idee des Zusammenlebens selbst”. John Dewey

“Eine Gesellschaft freier Individuen, in der alle durch ihre eigene Arbeit zur Befreiung und Bereicherung der Leben anderer beitragen, ist die einzige Umgebung, in der ein Einzelner wirklich zu seiner vollen Größe wachsen kann.”  John Dewey

Am besten leben und lernen wir in einer Umgebung, in der unsere Rechte und Meinungen respektiert werden. Das gilt auch für Kinder und Jugendliche. An Demokratischen Schulen entscheiden sie selbst, was, wie, wo, wann und mit wem sie lernen. Demokratische Schulen schätzen die Vielfalt. Sie setzen auf die Freiheit und Individualität ihrer SchülerInnen, weil Kinder und Jugendliche dadurch am besten ihre Stärken finden und sich frei entfalten können. Gleichberechtigt gestalten die SchülerInnen und Erwachsenen gemeinsam den Schulalltag. Jede/r ist zugleich Lernende/r und Lehrende/r.

 

4. Demokratische Struktur
In einer wöchentlich stattfindenden Schulversammlung, in der alle am Schulalltag beteiligten Mitglieder der Schulgemeinschaft unabhängig von Alter und Position gleiches Stimmrecht haben, diskutieren und entscheiden SchülerInnen und MitarbeiterInnen gleichberechtigt über anstehende Fragen aus dem Schulalltag. Hier werden gemeinsam für alle verbindliche Regeln festgelegt. Die Teilnahme an der Versammlung ist freiwillig, die gefassten Beschlüsse sind jedoch für alle bindend. Sie wird von SchülerInnen geleitet.

Das Schiedskomitee kann immer dann eingeschaltet werden, wenn Konflikte sich nicht auf andere Weise lösen ließen oder gegen Regeln verstoßen wurde. Ihr gehören mehrere von der Schulversammlung gewählte Kinder und Jugendliche und ein Mitarbeiter an. Diese Instanz schützt die Interessen der Gemeinschaft und die Rechte jedes Einzelnen.

 

5. Lernen und Leben
In einem anregenden und respektvollen Umfeld lernen und leben alle konsequent eigenverantwortlich und selbstbestimmt, ihrem eigenen Rhythmus und ihrer eigenen inneren Struktur entsprechend. Frei von Angst und Druck wählen die SchülerInnen die Inhalte, die Art, die Intensität, den Ort, den Zeitpunkt und die Dauer ihrer Beschäftigung. Sie suchen Antworten auf eigene Fragen, probieren verschiedenste Wege aus, sie machen Fehler, sammeln Erfahrungen, lernen selber zu denken, sich selbst zu vertrauen und sich und andere zu akzeptieren. Die Kinder und Jugendlichen können mit Leidenschaft und Muße sich, andere und die Welt entdecken, kreativ sein, spielen, träumen, Gespräche führen, verschiedenste Perspektiven einnehmen, Horizonte weiten, sich berühren lassen, sich gegenseitig ermutigen, sich in Gemeinschaft erfahren, verantwortlich handeln.

Sie können frei entscheiden, ob sie ihren Beschäftigungen alleine oder zusammen mit anderen nachgehen wollen. Gruppen finden sich unabhängig vom Alter, nach jeweiligem Interesse oder Anlass zusammen. Die SchülerInnen können sich Ideen von MitschülerInnen anschließen, eigene Angebote initiieren, aus Angeboten der Erwachsenen wählen oder außerhalb der Schule für sie passende Lernorte und Lehrer aufsuchen. Ein Netzwerk dafür befindet sich im Aufbau.

LehrerInnen sind Lernbegleiter. Sie beraten ohne zu belehren und begleiten in achtsamer Präsenz individuelle Wege. Die SchülerInnen wählen sich aus dem Team eine Vertrauensperson, ihren Mentor.

Niemand wird  unfreiwilligen Bewertungen und Vergleichen ausgesetzt. Jede/r kann sie/er selbst sein.

 

6. Vielfältige Inhalte
Sprachen, Literatur, Mathematik und Naturwissenschaften, Musik, Tanz und Bewegung,  Kunst, Handwerk, Theater, Garten, Wildnis, Geschichte, Biologie, Erdkunde, Ernährung, Gesundheit, Landwirtschaft, Sinnesschulung und Körperwahrnehmung, Wirtschaft, Soziales, Ökologie…
Dafür braucht es neben kompetenten Menschen vielfältige inner- und außerschulische Lernorte.

 

7. Abschlüsse

  • Alle allgemeinbildenden Schulabschlüsse, die im Niedersächsischen Bildungssystem vorgesehen sind, sind möglich.
  • EUDEC-Diplom als Dokumentation der eigenen Lernerfahrungen (http://www.eudec.org)

 

8. Struktur

  • Grundschule und Sekundarstufe I, als Ersatzschule mit besonderer pädagogischer Prägung in freier Trägerschaft
  • Die Freie Schule Gleichen wird die Jahrgangsstufen 1 bis 4 der Grundschule und die Klassen 5 bis 10 der Sekundarstufe I umfassen. Eine räumliche Trennung zwischen Grund- und Sekundarstufenschule wird es nicht geben, die Angebote stehen prinzipiell allen SchülerInnen offen.
  • Offene Ganztagsschule
  • mittelfristig angestrebte Größe ca. 60 bis 80 SchülerInnen

© Freie Schule Gleichen